Am Freitag wird es an einem Gymnasium im Leipziger Norden besonders ruhig. Protestierende Lehrkräfte äußern ihren Unmut über die Pläne des sächsischen Kultusministeriums, die Arbeitsbelastung zu erhöhen, indem sie zwei Stunden lang schweigen. Einige von ihnen ziehen sogar in Betracht, ihre Lippen mit Klebeband zu versiegeln.
Diese Protestaktion ist Teil der umfassenderen Kampagne „100 Schulen an 10 Tagen“, die von der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen initiiert wurde. Sie antwortet direkt auf die Tour des neuen Kultusministers Conrad Clemens (CDU), der mit seiner Initiative „100 Schulen in 100 Tagen“ einen Überblick über die Schulsituation im Freistaat gewinnen wollte.
Nicht nur die Stille ist ein Zeichen des Protests: Am Donnerstag tragen Lehrkräfte im gesamten Bundesland rote Kleidung als symbolische 'Rote Karte' gegen das Ministerium. Immer mehr Schulen entwickeln kreative Wege, um auf die, durch die geplante Mehrarbeit entstehenden, Belastungen hinzuweisen.
Besonders kontrovers ist der Vorstoß des Ministeriums, Lehrkräfte zu verpflichten, mehr Unterrichtsstunden zu übernehmen, um Stundenausfälle zu reduzieren. Die geleistete Mehrarbeit dürfen die Lehrkräfte erst nach mehreren Jahren ausgleichen. Für ältere Pädagogen, Lehrkräfte der gymnasialen Oberstufe und Ausbilder von Referendaren ist jedoch kein späterer Ausgleich vorgesehen – sie sollen dauerhaft mehr Unterrichtsstunden übernehmen.
Der GEW-Landesvorsitzende Burkhard Naumann kritisiert: Das Ministerium fokussiert sich zu sehr auf Statistiken und vernachlässigt die langfristigen Auswirkungen auf die Bildungsqualität und das Wohl der Lehrkräfte. Eindringlich warnt Naumann, dass eine kurzfristige Verbesserung der Statistik wenig Nutzen bringt, wenn die Tragfähigkeit des Schulsystems darunter leidet.
Kultusminister Conrad Clemens (CDU) fordert, dass Lehrer mehr arbeiten sollen und erntet Kritik von GEW und Lehrern (Archivbild) / Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU) plant umfassende Maßnahmen gegen den Lehrermangel und Stundenausfall an Schulen. Sein „Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Unterrichtsversorgung“ sieht unter anderem vor, die Arbeitszeit der Lehrer zu erhöhen und bisherige Vergünstigungen für ältere Lehrkräfte zu streichen.
Kernpunkte sind die Abschaffung von Abminderungsstunden für Lehrer ab 58 Jahren, die bislang ihre Unterrichtszeit bei vollem Gehalt reduzieren konnten. Zukünftig soll diese Regelung erst ab 63 Jahren gelten. Zudem sollen mehr verbeamtete Lehrer von Gymnasien an nahegelegene Oberschulen abgeordnet werden. Auch die Einstellungspraxis soll gelockert werden, sodass künftig Quereinsteiger ohne Hochschulabschluss als Lehrer arbeiten können. Gleichzeitig sollen Lehrer entlastet werden – etwa durch eine Reduzierung von Klausuren, überarbeitete Lehrpläne und weniger Bürokratie.
Derzeit fehlen in Sachsen rund 1.400 ausgebildete Lehrer, die Unterrichtsabdeckung liegt im Schnitt bei 95 Prozent. Da finanzielle Spielräume ausgeschöpft sind, will Clemens vor allem an der Arbeitszeit ansetzen. Der hohe Anteil an Lehrern, die frühzeitig in Rente gehen oder in Teilzeit arbeiten, stellt dabei eine zusätzliche Herausforderung dar.
Die geplanten Maßnahmen stoßen auf erheblichen Widerstand. Lehrer und Gewerkschaften kritisieren vor allem die zusätzlichen Belastungen, was zu aktuellen Protesten in Sachsen führt.